Wien – 2013. Ich träumte von einem Staat, in dem man bei Facebook sein muss. Ich habe manchmal Alpträume, die zunächst völlig unrealistisch zu sein scheinen.

Ich träumte also von einem Facebook-Staat, in dem man ’social‘ sein muss. Ich glaube, es war eine Art DDR. Die war ja sozusagen ein verpflichtendes, analoges soziales Netzwerk aus Millionen Karteikarten.

Die Kommunikation lief in der Regel geordnet ab, vertikal. Von unten nach oben. Oder umgekehrt, als Befehl.

Ungeordnete Kommunikation gab es auch, die war aber horizontal. Für horizontale Kommunikation gab es Strafen, für die vertikale gab es Belohnungen.

Es war ein geteiltes Land. Die Teilung verlief zwischen der offiziellen Kommunikation auf Facebook und der inoffiziellen unter den realen Freunden. So wurde das soziale Leben immer schmäler, weil es fast nur vertikale Kommunikation gab. Hinauf gab es nur Likes, hinunter gab es sehr viele Dis-likes.

Schließlich wurde Facebook so schlank, dass man die Enge nicht mehr aushalten konnte. Aber man durfte und konnte Facebook nicht verlassen!

Ich tobte, suchte nach einem Ausgang in einer Mauer, da stand endlich „Exit“. Ich lief schnell durch die Maueröffnung und war – in der Wallstreet! In der Mauerstraße! Sie jubelten mir alle zu! Die Investoren von Facebook waren an die Börse gegangen und hatten Anteile verkauft, ihren Exit gemacht! Mit meinen Daten, die ich nicht löschen konnte! Ich war mitten im Herz des Kapitalismus gelandet. War das der Ausgang aus der Unfreiheit? Erschöpft sank ich nieder. Ich war jetzt frei, aber online. (©Bernhard Morawetz, 2013)